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müssen wir immer 100% geben?

Manchmal muss man in die Tiefe schauen, um die Tiefe wahrzunehmen...

 

Ein Thema, mit welchem ich selber sehr zu kämpfen hatte, während der Zeit, in welcher ich eingeschränkt war wegen der Knieverletzung war folgendes: Ich wollte unbedingt mein volles Arbeitspensum durchziehen. Der Arzt in Davos hatte mich nicht krank geschrieben, aus diesem Grund ging ich davon aus, dass ich nicht (unfallbedingt) krank war. Am nächsten Tag, als ich am arbeiten war, und ich im späteren Nachmittag kaum noch laufen konnte - musste ich kapitulieren. Ich holte mir ein Arztzeugnis für 100% Arbeitsunfähigkeit in der 1. Woche, anschliessend 50% für weitere 2 Wochen. Danach wird es denn schon wieder gehen. Ja es ging - einigermassen - doch leider ging auch die Genesung nicht vorwärts, sie blieb mehr oder weniger auf einem Stillstand.

Dies ist die Vorgeschichte dieses Artikels - denn ich machte mir natürlich Gedanken, woher dieses 'unbedingt wollen' - dieses 'ich darf keine Schwäche zeigen' herrührt.  Und es betrifft wahrscheinlich viele Menschen da draussen.

 

Warum meinen wir immer zu müssen?

Ich habe für mich folgende Punkte herausgefunden

 

Ich möchte niemandem zur Last fallen: Ich weiss nicht genau, woher das kommt. Aber es ist so... Ich wollte niemanden belasten mit meiner Abwesenheit. Es war mir bewusst, dass alle einen Teil übernehmen müssen, wenn ich abwesend bin, insbesondere natürlich mein direkter Arbeitskollege

Zur Last fallen? Was für starke Worte! Ich falle jemanden zur Last? Nein, so darf es wirklich nicht sein. Mit diesem Denken machen wir uns selber ganz klein. Ist es nicht besser, eine Verletzung ganz auszuheilen... um dann anschliessend wieder ganz da zu sein? 

 

Man muss halt: Wer von uns ist noch mit der Glaubensrichtung aufgewachsen, die uns sagte 'man muss halt'. Schwäche zeigen gibt es nicht. Aufstehen, arbeiten, 100% geben, nach Hause gehen. Ich würde behaupten, in unserer jetzigen Generation kommt man von diesem Denken bereits wieder ein bisschen weg. Ein Teil des Denkens unserer Grosseltern-Generation scheint aber doch immer noch nachzuhallen in den Köpfen. 

 

Bin ich nichts wert, wenn ich weniger leiste: Es ist ein grosses Stück Arbeit, anzuerkennen dass man trotzdem etwas wert ist, auch wenn man nicht immer alles geben kann. Es hat auch mit Selbstliebe und Selbstwert zu tun, dass man sich eingesteht - trotz allem - eine 'gute Arbeitnehmerin' zu sein - auch wenn man im Moment reduziert ist. Mir helfen dabei Affirmationen sehr gut. So wählte ich folgende Affirmation, wenn ich wieder einmal zweifelte: 'Ich bin trotzdem etwas wert, auch wenn ich im Moment nicht vollständig arbeiten kann'.

 

Vertrauen haben: Wie gut schaffst Du es loszulassen, wenn es um die Arbeit geht? Ich gestehe, dass das Thema Vertrauen für mich ein grosses Lernfeld ist. Ich habe gerne die Kontrolle über das Geschehen in der geschützten Werkstatt, in der ich arbeite. Wenn ich hier tiefer grabe, erinnere ich mich an meine Zeit als ich Lehrtochter war. Damals war ich klein... nicht nur in der Körpergrösse - kaum Mut, Selbstwert, kein Selbstvertrauen... ein schüchternes, kleines Mädchen, das beim kleinsten Sturm umkippte. Das eine um das andere Mal wurde ich zurechtgewiesen, klein - noch kleiner gemacht. 

Meinen jetzigen Status habe ich mir über die Jahre erarbeitet, bin grösser, stärker, selbstbewusster geworden. Sie hallt wohl immer noch nach - meine Lehrzeit. Ich gebe immer noch nicht sehr gerne die Zügel aus der Hand - wohl aus Angst, es könnte etwas schiefgehen - und die kleine Dagmar wieder drankommt. 

An dieser Stelle ein grosses, herzliches Dankeschön an meinen neuen Arbeitskollegen, der alles mit Bravur gemeistert hat - obwohl er erst seit Anfang Januar bei uns ist. Und mich lehrte, Vertrauen zu haben. 


Mein Knie ist jetzt - nach ca. 9 Wochen - auf einem richtig guten Weg zur Besserung.  Ich bin dankbar für die Zeit der Einkehr, der Ruhe und der Stille - zur der mich die Verletzung zwang. Früher hätte ich eine solche Verletzung recht eindimensional angesehen. Knie verletzt, eingeschränkt, dieses und jenes kann ich nicht mehr machen - irgendwann geht es dann wieder. Linear, ohne nach links oder nach rechts zu blicken und schon gar nicht in die Tiefe zu schauen. 

Gerade der Blick in de Tiefe lohnt sich, denn dadurch wurde mein Leben soviel mehr lebendig. Es erhielt soviel mehr Stabilität, mehr Freude und mehr Gefühle, mehr Erkenntnis zu einem neuen (er)leben - zu einem neuen ICH. 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Daniela (Sonntag, 14 Mai 2017 14:06)

    Hallo liebe Dagmar!
    Ich finde deinen Text sehr schön. Ich finde es auch wichtig, bei allen Dingen, die passieren auch den tieferen Sinn zu sehen. Nichts geschieht ohne Grund. Und wenn es der ist, dass du dir mal Zeit für dich nimmst.
    Häufig passiert es jedoch, wenn man selbst betroffen ist, dass man vergisst, daran zu denken. Und da helfen Texte wie deine, sich wieder darauf zu besinnen. Vielen Dank dafür!

    Ich wünsche dir alles Gute mit deinem Knie und dass du bald wieder fit bist.
    ...und selbst dann musst du nicht immer 100% geben!
    Liebe Grüße Daniela

  • #2

    Dagmar (Sonntag, 14 Mai 2017 17:36)

    Hallo Daniela
    Vielen lieben Dank für Deinen Eintrag und Deine tollen Worte! ...und selbst dann musst Du nicht immer 100% geben... das tönt noch in mir nach <3 wie recht Du hast!
    Liebe Grüsse, Dagmar